Tschendlik.
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Carte blanche·Carte blanche·20. September 2024

Eine Demokratie muss Spannungen ertragen

Simon Tschendlik — Landrat Grüne, Bubendorf

In den letzten Jahren beobachtete ich immer öfter, wie Diskussionen in der Gesellschaft hitziger und unversöhnlicher wurden. Die Themen mögen wechseln – Pandemie, Klimawandel, Politik –, doch eines bleibt gleich: Der Ton wird härter, die Gräben werden tiefer. Doch wie können wir diese Polarisierung vermeiden? Der respektvolle Austausch ist wichtig.

Eine lebendige Demokratie lebt von Debatten, von unterschiedlichen Meinungen und Ansichten. Doch diese Vielfalt birgt auch das Risiko, dass Differenzen zu Spaltungen führen können. Wie können wir streiten, ohne dabei als Gesellschaft auseinanderzubrechen?

Eine Erkenntnis ist: Es geht nicht nur darum, wer recht hat. In vielen Gesprächen, vor allem zu politischen Themen, scheint es nur darum zu gehen, den anderen zu überzeugen, dass die eigene Meinung die richtige ist. Dabei übersehen wir, dass der Kern einer Demokratie der Austausch ist – nicht das Gewinnen. Es ist entscheidend, dass wir lernen, die Perspektive des anderen zu respektieren, auch wenn wir anderer Meinung sind.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie schwer es manchmal ist, sich auf andere Standpunkte einzulassen. Besonders dann, wenn Emotionen im Spiel sind und man sich in der eigenen Überzeugung sicher fühlt. Doch gerade hier liegt der Schlüssel: Wenn wir es schaffen, uns bewusst in die Lage des anderen zu versetzen und dessen Sichtweise ernst zu nehmen, schaffen wir Raum für Dialog statt für Konfrontation. Es geht nicht darum, die eigene Position aufzugeben, sondern darum, den anderen wirklich zu hören.

Ein Aspekt, den ich als essenziell empfinde, ist der Respekt vor der Komplexität: Viele gesellschaftliche und politische Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Es gibt selten eine klare Lösung. Wenn wir uns jedoch auf einfache Antworten fixieren und diese mit Nachdruck vertreten, tragen wir dazu bei, dass sich die Fronten verhärten. Eher sollten wir uns bemühen, die Vielschichtigkeit von Problemen anzuerkennen und uns auf differenzierte Debatten einzulassen.

Eine Passage aus dem Projekt «Demokratie 2050» von Pro Futuris unterstreicht dies treffend: «Demokratie ist kein System, das immer Harmonie verspricht, sondern eines, das Streit aushält und produktiv machen kann.» Dieser Gedanke spricht mir aus dem Herzen. Eine starke Demokratie muss in der Lage sein, Spannungen zu ertragen und diese in konstruktive Lösungen zu überführen. Dies gelingt nur, wenn wir die Bereitschaft zeigen, andere nicht als Gegner, sondern als Mitstreiter zu sehen.

Für unser Land bedeutet dies: Wir müssen wieder lernen, miteinander zu reden. Der Dialog, der auf Respekt und Verständnis basiert, ist das beste Mittel gegen Polarisierung. Indem wir aktiv zuhören, auf die Argumente der anderen eingehen und differenziert denken, tragen wir zu einer Gesellschaft bei, die stark und vereint bleibt – auch in Zeiten von Unsicherheit und Wandel.

Sorgen wir dafür, dass das Baselbiet ein Ort bleibt, an dem wir nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander leben – auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Es sind die vielen unterschiedlichen Stimmen, die uns bereichern.

In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

Erstmals erschienen in der Volksstimme am 20. September 2024.

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